Projekt wissenschaftliche Aufarbeitung historisch menschlichen Leids in den Jahren 1949 bis 1990

Seit der Jahrtausendwende haben ausgehend von einzelnen Zeitzeuginnen und Zeitzeugenberichten Leid- und Unrechtserfahrungen, die Kinder in deutschen Heimen nach 1949 machen mussten, eine zunehmende mediale Aufmerksamkeit erfahren.

Als Reaktion richteten Bund und Länder auf Empfehlung des Petitionsausschusses des Deutschen Bundestages im Februar 2009 unter dem Vorsitz der damaligen Bundestagsvizepräsidentin einen Runden Tisch „zur Heimerziehung" der BRD ein, dem Betroffene, Trägerinnen und Träger, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Verbände sowie Vertreterinnen und Vertreter des Bundes, der Länder und der Kirchen angehörten. Dieses Format bot den beteiligten Akteurinnen und Akteuren die Möglichkeit, sich über die Erfahrungen in den Einrichtungen auszutauschen, Missstände zu benennen und den Umfang der Gewalterfahrungen zu ermitteln.

Betroffenenvertreterinnen und -vertreter beklagen, dass das Schicksal von Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, in Krankenhäusern und psychiatrischen Kliniken weitgehend ausgeblendet worden sei. Dabei sei die Zahl der Betroffenen groß: Schätzungsweise 116.000 Kinder und Jugendliche in der BRD und bis zu 140.000 in der DDR waren im Zeitraum von 1950 bis 1975 bzw. von 1949 bis 1990 zeitweise stationär in Einrichtungen der Behindertenhilfe und in psychiatrischen Anstalten untergebracht.

Um für diese Betroffenen ein Hilfsangebot zu schaffen, forderte der Deutsche Bundestag die Bundesregierung auf, gemeinsam mit den Bundesländern ein Hilfssystem aufzubauen. In der Folge wurde über das Bundesministerium für Arbeit und Soziales zusammen mit den Bundesländern und den beiden großen Kirchen die Stiftung Anerkennung und Hilfe ins Leben gerufen.
Im Herbst 2017 vergab die Stiftung zur Begleitung ihrer Arbeit einen Auftrag zur wissenschaftlichen Aufarbeitung. Indem das erlebte Leid und Unrecht durch historische Arbeit öffentlich sichtbar und Art und Umfang der Geschehnisse nachvollziehbar gemacht wurde, sollte ein wesentlicher Beitrag zur Bewältigung und Aufarbeitung des Erlebten geleistet werden.
Im Fokus stand dabei die Zeit von der Gründung beider deutscher Staaten bis Anfang Oktober 1990 für die DDR und für das Gebiet der alten BRD bis Ende 1975.

Ziel des Forschungsprojektes war es, Leid- und Unrechtserfahrungen zu erfassen und zu beleuchten, die Kinder und Jugendliche in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe sowie in stationären psychiatrischen Einrichtungen in der BRD und der DDR im besagten Zeitraum gemacht haben. Im Zentrum des Interesses standen ungerechtfertigte und deshalb als missbräuchlich zu bewertenden medizinischen und pädagogischen Maßnahmen, sexueller Missbrauch, erzwungene oder nicht entlohnte Arbeit und das Vorenthalten von Sozialversicherungsbeiträgen sowie der Verlust bzw. Vorenthalt von persönlicher, beruflicher und sozialer Lebensqualität und individuellen Entwicklungsmöglichkeiten.

Ziel des Projektes ist eine vergleichende und zusammenführende Analyse von Bewohnerinnen und Bewohner von Schloss Hoym, Verwaltungsakten und begleitende Materialien (zum Beispiel Fotografien). Eine erste Einsichtnahme im Landesarchiv Dessau erfolgte. Dabei ist der Eindruck entstanden, dass umfangreichere Verwaltungsakten für die Zeit Kriegsende bis in die 60er Jahre vorhanden sind und danach die Aktenlage dünner wird. Andere Archive sollen ebenfalls auf aussagekräftige Unterlagen hin überprüft werden.